Luka Modrić: Der Junge aus Zadar, der die Welt eroberte
Es gibt ein Foto, das die ganze Geschichte einzufangen scheint. Ein kleiner Junge hütet Ziegen an den Hängen des Velebit-Gebirges, während der ferne Klang von Explosionen durch die Täler hallt. Drei Jahrzehnte später steht derselbe Junge auf einer Bühne in Paris und hebt den Ballon d'Or in die Höhe – die Auszeichnung für den besten Fußballer der Welt. Zwischen diesen beiden Bildern liegt das Leben von Luka Modrić: vielleicht die unwahrscheinlichste Sportgeschichte, die Kroatien je erzählt hat.
Eine Kindheit im Schatten des Krieges
Luka Modrić wurde am 9. September 1985 in Zadar geboren. Seine Kindheit war auf die brutalste vorstellbare Weise vom Kroatischen Unabhängigkeitskrieg geprägt – seine Familie wurde aus ihrem Zuhause vertrieben, und sein Großvater, nach dem er benannt wurde, wurde von serbischen Paramilitärs getötet. Das Haus der Familie steht bis heute verlassen da, umgeben von Minenfeldern.
Während des Krieges lebten Modrić und seine Familie als Flüchtlinge, oft in Hotels ohne fließendes Wasser oder Strom. Auf den Parkplätzen dieser Hotels begann er, zum ersten Mal gegen einen Fußball zu treten. Trainer, die ihn damals beobachteten, erinnern sich an einen kleinen, schmächtigen Jungen, den viele schlicht für zu zierlich für den Profifußball hielten – ein Zweifel, der ihn über Jahre begleiten sollte.
Von Dinamo auf die Weltbühne
Sein Weg an die Spitze führte über Dinamo Zagreb, wo er als Teenager ankam. Um ihn abzuhärten, wurde er verliehen – zunächst an den bosnischen Klub Zrinjski Mostar, wo er bewies, dass seine schmale Statur in einer körperlich anspruchsvollen Liga kein Hindernis war, und anschließend an Inter Zaprešić. Nach seiner Rückkehr zu Dinamo wurde er einer der besten Spieler der Liga und half dem Klub, drei Meistertitel zu gewinnen.
2008 wechselte er zu Tottenham Hotspur, wo er vier Spielzeiten verbrachte und sich als einer der kreativsten Mittelfeldspieler der Premier League etablierte. Der wahre Wendepunkt kam 2012, als er zu Real Madrid ging.
Dreizehn Jahre an der Spitze von Real Madrid
Sein Start in Madrid war nicht leicht – eine spanische Zeitung kürte ihn sogar zum schlechtesten Transfer der Saison. Modrić antwortete, wie schon so oft zuvor, auf dem Platz. In dreizehn Spielzeiten absolvierte er 597 Einsätze für Real Madrid und wurde zum erfolgreichsten Spieler der Klubgeschichte, gewann sechs Titel in der UEFA Champions League und zahlreiche weitere Trophäen – und wurde damit zu einem unverzichtbaren Bestandteil einer der dominantesten Mannschaften der modernen Fußballgeschichte.
Im Sommer 2025 schloss er dieses Kapitel und wechselte zur AC Mailand, wo er bis heute spielt und selbst in einem für einen Profifußballer fortgeschrittenen Alter eine zentrale kreative Kraft des Klubs bleibt.
Die Vatreni und das Wunder von 2018
Wenn Real Madrid die Titel brachte, so brachte die kroatische Nationalmannschaft die Unsterblichkeit. Als Kapitän führte Modrić die Vatreni (die Feurigen) ins Finale der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 in Russland – die größte Leistung der kroatischen Fußballgeschichte. Eine Nation von etwas mehr als vier Millionen Menschen schaltete auf dem Weg dorthin Argentinien und England aus, und Modrić wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt und gewann den Goldenen Ball.
Im selben Jahr kam der Höhepunkt seiner individuellen Karriere. Im Dezember 2018 gewann er den Ballon d'Or und beendete damit ein Jahrzehnt der Vorherrschaft von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo – zum ersten Mal seit 2007 hatte jemand anderes die Auszeichnung errungen. Er war zudem der erste Kroate überhaupt, der sie erhielt.
Modrić hörte damit nicht auf. Er führte Kroatien bei der Weltmeisterschaft 2022 auf den dritten Platz und wurde bei der EM 2024 zum ältesten Torschützen der Turniergeschichte. Mit der Nationalmannschaft steuert er weiter auf die Weltmeisterschaft 2026 zu, bei der er mit ziemlicher Sicherheit sein letztes großes Turnier im karierten Trikot bestreiten wird.
Mehr als ein Fußballer
Es ist leicht, Luka Modrić auf eine Liste von Trophäen zu reduzieren, doch sein wahrer Wert liegt anderswo. Er ist der Beweis, dass Beharrlichkeit jeden ungünstigen Umstand überwinden kann – Krieg, Armut, die Zweifel der Experten und selbst die Biologie, denn er spielte auf allerhöchstem Niveau, lange nachdem die meisten Fußballer längst ihre Karriere beendet haben.
Für viele Kroaten ist er mehr als ein Sportler – er ist ein Symbol. Jener Junge vom Parkplatz, der sich weigerte zu akzeptieren, dass sein Schicksal im Voraus geschrieben war, wuchs zu einem der größten Mittelfeldspieler der Fußballgeschichte heran – und vielleicht zum größten Sportler, den Kroatien der Welt je geschenkt hat.